Serientipp // Der Tatortreiniger

Ich bin entsetzt. 98 % meiner KollegInnen kennen Bjarne Mädel nicht. Dabei kann man Bjarne nun wirklich kennen. Als „Ernie“ Heisterkamp aus Stromberg zum Beispiel, als Dietmar „Bär“ Schäffer aus Mord mit Aussicht und ganz besonders als Heiko Schotte aus Der Tatortreiniger.

Schottys Arbeit fängt da an, wo sich andere vor Entsetzen übergeben, wenn die Leiche abtransportiert und alle Spuren gesichert sind. Die Tat und deren Aufklärung spielen für die Handlung nur eine untergeordnete Rolle. Der Tatortreiniger ist kein Krimi, sondern ein schwarzhumoriges Kammerspiel, in dem Schotty am Tatort auf die Angehörigen der Verstorbenen trifft, die ihn – wenn nicht in abstruse Situationen – zumindest in hitzige Debatten über ihren Lebensstil verwickeln. Im Laufe der aktuell vier Staffeln trifft Schotty u.a. auf einen Schamanen, auf eine Vegetarierin im Rollstuhl, auf einen Homosexuellen, eine Prostituierte, eine Exfreundin… Die dabei entstehenden Dialoge wechseln nahtlos zwischen urkomisch und tiefsinnig, vor allem aber beleuchten sie die angesprochenen Themen von verschiedenen Seiten, ohne eine vermeintlich richtige Meinung vorzugeben. Einzige Ausnahme: die Nazi-Folge. Hier beziehen die Macher der Serie ganz klar Stellung und befördern rechte Memorabilia ohne Umschweife auf den Müll. Für diese Folge gab es 2013 den Grimme-Preis.

Trotzdem ist Schotty kein Held. Er hat keine hohen Ansprüche ans Leben, ist glücklich, wenn der HSV gewinnt und wirkt manchmal ein wenig naiv. Dass er zwischendurch zwar mal darüber nachdenkt, Dinge in seinem Leben zu ändern, am Ende aber doch alles beim Alten belässt, macht ihn nicht nur sympathisch, sondern auch echt. Ein großes Lob gilt jedoch nicht nur der schauspielerischen Leistung von Bjarne Mädel, sondern auch der Regie, die ein ganz besonderes Auge für Schnitt und Kameraeinstellungen hat. Viele kleine Dinge sind so clever gemacht, dass der F. und ich nicht selten zurückspulen*, um uns kurze Szenen ein zweites Mal anzusehen und dabei Sätze murmeln wie „Verdammt witzig!“ oder „Mensch, das war echt schlau gemacht gerade!“.

*Spricht man in der heutigen, digitalen Welt eigentlich noch von „zurückspulen“?!